Die zentrale Grundannahme der Schematherapie ist, dass jeder Mensch fünf angeborene emotionale Grundbedürfnisse hat, deren adäquate Befriedigung im Laufe von Kindheit und Jugend eine gesunde seelische Entwicklung ermöglicht.

„Gesund“ bedeutet, dass der erwachsene Mensch eigenständig und authentisch in der Lage ist

  • mutuell befriedigende zwischenmenschliche Beziehungen einzugehen und aufrechtzuerhalten.
  • eigene Gefühle und Bedürfnisse und auch die des Gegenübers wahrzunehmen und zu berücksichtigen.
  • Konflikte und Probleme im Laufe des Erwachsenenlebens konstruktiv zu lösen.

Eine Frustration der emotionalen Grundbedürfnisse in der frühen Biografie kann hingegen die Entwicklung des Modus des Gesunden Erwachsenen beeinträchtigen und die Etablierung von Strategien begünstigen, die das Kind zwar vor dem aus der Bedürfnisfrustration entstehenden psychischen Schmerz schützen, im späteren Leben aber problematisch werden (Bewältigungsmodi).

 

Die fünf emotionalen Grundbedürfnisse sind:

  1. Bedürfnis nach sicherer Bindung
  2. Bedürfnis nach Autonomie, Identität und Kompetenz (oder Selbstwertsteigerung)
  3. Bedürfnis nach realistischen Grenzen und Selbstkontrolle
  4. Bedürfnis nach Freiheit im Ausdruck von Bedürfnissen und Emotionen
  5. Bedürfnis nach Spontaneität und Spiel

 

Ein an den Grundbedürfnissen orientiertes „Beeltern“ oder (allgemein gesagt) Verhalten bedeutsamer Bezugspersonen des Kindes (die nicht zwingend und nicht ausschließlich die Eltern sein müssen) versucht, die Bedürfnisse des Kindes wahrzunehmen und ausreichend und angemessen zu befriedigen:

 

  • Bedürfnis nach sicherer Bindung:
    Das Kind erfährt Nähe, Konstanz, Verfügbarkeit, Zuverlässigkeit und nährende Zuwendung, fühlt sich geliebt, angenommen, geborgen, sicher und zugehörig.

 

  • Bedürfnis nach Autonomie, Identität und Kompetenz (oder Selbstwertsteigerung):
    Das Kind darf sich aus seinem sicheren Bindungshafen entfernen und von dort aus eigenständig die Welt erkunden und eigene Erfahrungen machen, es darf sich selbst und seine Bedürfnisse spüren und Möglichkeiten ausprobieren, diese zu befriedigen. Es darf Alltagsverrichtungen selbst tun und dabei Fehler machen, es darf an diesen Erfahrungen wachsen und lernen.

 

  • Bedürfnis nach realistischen Grenzen und Selbstkontrolle:
    Das Kind erlebt ein authentisches Gegenüber, welches eigene Bedürfnisse und Interessen und die Bedürfnisse und Interessen Dritter offenlegt und in die Beziehung zum Kind einbringt, wodurch den Bedürfnissen und Interessen des Kindes natürliche und angemessene Grenzen gesetzt werden, was seine Integration in die Gemeinschaft sichert (und damit auch das Bindungsbedürfnis befriedigt). Auch die Unterstützung dabei, neben kurzfristigem Lustgewinn auch langfristige Ziele im Auge zu haben, bedeutet eine Befriedigung des Bedürfnisses nach Grenzen und ermöglicht die Entwicklung von Selbstverantwortung und Impulsregulation.

 

  • Bedürfnis nach Freiheit im Ausdruck von Bedürfnissen und Emotionen:
    Das Kind darf all seine Emotionen in allen Facetten ausdrücken und erfährt Validierung der Emotionen. Dem Kind wird darüber hinaus aufgezeigt, dass hinter einer unangenehmen Emotion ein unbefriedigtes Bedürfnis steckt und die angemessene Befriedigung des Bedürfnisses auch das unangenehme Gefühl reguliert – und dass auch seine angenehmen und ausgelassenen Gefühle willkommen sind und herausgejauchzt werden dürfen. Es erfährt, dass seine Bedürfnisse und Gefühle wichtig und in Ordnung sind.

 

  • Bedürfnis nach Spontaneität und Spiel:
    Das Kind darf ausgelassen sein, Spaß haben, Quatsch machen, sich gehen lassen, sich treiben lassen, genießen, ziellos sein. Es darf stundenlang schaukeln, matschen oder malen, es darf auf dem Weg von A nach B an jedem Halm und jedem Stöckchen und Steinchen stehen bleiben und es bewundern. Es darf laut sein und wild sein und sich auf den Moment einlassen.

 

Werden die Grundbedürfnisse frustriert, entsteht psychischer Schmerz, den das Kind im Sinne einer Anpassungsleistung versucht, durch ein bestimmtes Verhalten nicht oder weniger zu spüren, bzw. das Grundbedürfnis doch irgendwie auf Umwegen zu befriedigen. Wir sprechen dann von der Entwicklung der Bewältigungs-Modi (z. B. lernt das Kind, dass es nur wenn es krank ist, nährende Zuwendung und Nähe von der wichtigen Bezugsperson erhält und reagiert als Erwachsene/r auf Gefühle von Einsamkeit als Resultat von Sehnsucht nach Nähe mit psychosomatischen Beschwerden).